Das Feuerlöschwesen und die Turner-Feuerwehr

Der Einfluß der andauernden Leibesübungen auf die Körpermusculatur und die Circulationsapparate auf Grund statistischer Erhebungen der Berliner Feuerwehr und der königlichen Central-Turnanstalt zu Berlin (nach der Cellular-Physiologie) bearbeitet.
  Gustav Schulze-Delitzsch
ein Bericht aus

Der Feuerwehrhistoriker
Mitteilungsblatt Nr. 1/93, 7. Jahrgang
INAUGURAL-DISSERTATION zur Erlangung der Doktorwürde in der Medizin und Chirurgie vorgelegt der Medicinischen Facultät der Friedrich Wilhelm-Universität zu Berlin und öffentlich zu verteidigen am 24. März 1870 von Louis Leistikow aus Darsow (Pommern)

Opponenten:
C. Pfahl, Dr. med.
E. Reger, Dd. med.
W. Class, Dd. med.
Berlin Druckerei Gustav Lange (Otto Lange)
Von der Hufelandschen Gesellschaft und Deputirten der Berliner Lehrervereine ist vor kurzem eine Broschüre bei O. Löwenstein "Das Turnen, nach medizinischen und pädagogischen Grundsätzen Berlin 1869" erschienen.

Zur genauen statistischen Feststellung der turnerischen Leistungsfähigkeit und Entwicklung der Körperkraft fehlte es bis jetzt an genügendem Material. Nur Wenige hatten Gelegenheit oder Ausdauer, Turner jahrelang zu beobachten und den Gang ihrer körperlichen Entwicklung aufzuzeichnen. Die Acten der Berliner Feuerwehr bieten ein derartiges Material dar. Ein Theil desselben ist mir auf gütige Veranlassung des Herrn Dr. Zülzer in sehr liberaler Weise vom Geheimen Reg. Rath Herrn Scabell zur Verfügung gestellt. Die Aufzeichnungen rühren vom Turnleiter der Feuerwehr Herrn Kluge her.

Jeder Mann, der sich zur Aufnahme meldete (er muss Soldat gewesen und vollkommen gesund sein; besonders genau werden die Brustorgane untersucht) wird einer Prüfung über seine Leistungsfähigkeit im Turnen unterworfen.
Er muß 8 Übungen machen:

Schnelllaufen, Weitspringen, Hochspringen, Stabhochspringen, Anmunden, Klimmziehen, Tau- und Stangenklettern, dann bekommt er den Grade seiner Leistungsfähigkeit eine Nummer.

Der Schnelllauf 260' -  bei 14 1/2'' = 4, 15 1/2'' = 3, 17 1/2'' = 2, 19 1/2'' = 1 mehr als =0  -  Die besten Schnellläufer der Berliner Feuerwehr, die in 14 1/2 260' zurücklegen, machen in 1'' ca. 5 1/2 m. Von den 353 Censuren der Leute zwischen 26 und 43 Jahren kommt Nr. 4 173mal, Nr. 2 56mal und Nr. 1 11mal vor.
Die Durchschnittszahl für das Lebensalter ist 3,23, die mittlere Schwankung +0,31 und -0,38. Es hat sich herausgestellt, dass vor dem 34. Jahre das Mittel meist überschritten ist, nach demselben wird es nicht mehr erreicht. Die größte Leistungsfähigkeit im 26. Lebensjahr (3,54) bleibt gleich bis zum 29. Lebensjahr (3,52) sinkt von hier stark abwärts, um bis zum 34. Jahre um das Mittel (3,23) zu schwanken und fällt dann fast stetig ab.
 
Anmunden - am "schulterhohen Barren aus den Streckstütz bestrebt sein, einmal links mit dem Munde den Holm zu berühren und sich dann wieder völlig aufzustrecken, so oft es seine Stemmkraft gestattet." = 15 1/2 x Klimmziehen: "dass der Mann am sprunghoch gestellten Reck aus dem Streckhange an beiden, schulterbreit mit Aufgriff aufgelegten Händen sich so hoch hinaufzieht, dass er vollkommen über die Stange hinwegsieht, dann sich wieder völlig
hinabstreckt und das so oft, als es ihm möglich ist, ohne mit den Händen und Beinen zu zappeln bzw. schwingen." = 13 1/2 x
Wer nicht 3 1/2 x anmundet und Klimmziehen nicht 2 1/2 x üben kann =0

In der deutschen Turnerzeitung 1866 Nr. 39 Aufsatz von Rödelius: An Rumpfesumfang über der Brust im Zustand der Ruhe nimmt jeder Turner zu. Bei 40-50jährigen Leuten nach einem Turncursus eine Zunahme des Brustumfanges. Messungen derart sind an der hiesigen Central-Turnanstalt vom königl. Oberstabsarzt Dr. Roth gemacht worden.

Herr Geh. Rath Dr. Berend hat während seiner 30jährigen Thätigkeit an seinem gymnast.-orthopäd. Instiut keinen Fall aufzuweisen, wo einer seiner Schüler an Lungenschwindsucht gestorben wäre.

THESEN
1. Die Atmung ist ein Circulationsapparat des kleinen Kreislaufs
2. Die Neurectomie ist in den meisten Fällen das einzige Heilmittel gegen Prosopalgie
3. Das Chloralhydrat ist das einzige zuverlässige Hypnoticum in starken Aufregungszuständen bei Geisteskranken u. Deliranten

Der Verfasser, am 24. Januar 1847 zu Darsow bei Lauenburg in Pommern geboren, ev. Confession, erhielt seine erste Schulausbildung im elterl. Hause, besuchte dann die königl. Fr. Wilhelm Schule in Stettin, darauf die Gymnasien zu Stolpe und Marienburg. Von hier aus ging er mit dem Zeugnis der Reife zu Ostern 1866 ab und wurde auf der königl.,medicinisch-chirurg. Akademie immatrikuliert. Er bestand zu Ostern 1868 das Tentamen physicum. Seit dem 15. Februar 1870 fungirt er als Unterarzt in der Königlichen Charité. Während der 8 Semester seines Studiums besuchte er die Vorlesungen folgender Lehrer: Berg, Böhm, du Bois-Reymond, Dove, Ebert, Frerichs, Gähde, v. Gräfe, Gurlt, Hertel, Hirsch, Jüngken, v. Langenbeck, v. Lauer, Leber, Lewin, Löffler, Lieberkühn, Liman, Mitscherlich, Peters, Reichert, Rose, Skreczka, Sonnenschein, Schöller, Schönborn, Schultz-Schultzenstein, Traube, Virchow, Waldau, Werder, Zülzer.
 
 
Klaus Dietz ist Mitglied des Fördervereins Feuerwehrmuseum Berlin e.V.
Es handelt sich um einen Auszug des Artikels von Heinz Gläser aus dem Mitteilungsblatt Nr. 8/91 "Der Feuerwehrhistoriker"
Friedrich Ludwig Jahn
"Turner standen an den Wiegen von Freiwilligen Feuerwehren ... " u.v.m
 Turner Feuerwehr

- zur Information bitte auf die entsprechenden Bilder klicken -
   
Das linke Foto zeigt das am 9. Juni 1907 anläßich des 21 hannoverischen Provinzial-Feuerwehrtages stattfindene Mannöver der freiwilligen Turnerfeuerwehr und des Werkleutekorps.  
 
     
     
 
Hakenleiter Wettkampf in Berlin-Marzahn  
1878 Vereinssport: Der Männer-Turnverein Jahn Rixdorf von 1865 (TuS Neukölln) gründet die Freiwillige Turner-Feuerwehr (Quelle)    - Feuerwehr Rixdorf -
Freiwillige Turnerfeuerwehr Charlottenburg